Allzulange gibt es die stolzen, reichen Gäubodenbauern bei uns noch nicht. Vor 180 Jahren noch waren die meisten von ihnen gewissermaßen Leibeigene, abhängig von ihren Grundherren, denen sie Zehent leisten mußten, dazu Hand- und Spanndienste. Zu den Grundherren zählten die Patrizier, die Adeligen und die Klöster. So gehörte, wie uns Professor Rohrmayr berichtet, allein dem Kloster Niederalteich ein volles Zwanzigstel des in Niederbayern vorhandenen Ackerbodens. Die Verhältnisse änderten sich erst, als Freiherr von Stein in Preußen die Leibeigenschaft aufhob und die Bauern zu wirklichen Eigentümern ihrer Höfe machte, eine Regelung, der sich Bayern anschloß. Natürlich hatte Freiherr von Stein dabei einen kleinen Hintergedanken. Er spekulierte darauf, daß die freien Bauern im Kriegsfall neben der eigenen Scholle auch sicher gern das Vaterland tapfer verteidigen würden. Der Ausgang der Völkerschlacht bei Leipzig gab ihm recht.
Damit das Zehentgetreide seinerzeit abgeliefert und richtig gepflegt werden konnte, bauten die Grundherren sogenannte „Kasten“ mit gepflasterten Dachböden. Auf unserem Bildchen steht neben der Dreifaltigkeitssäule der Kasten des Klosters Windberg. Die heutige Stadtsparkasse diente zum gleichen Zweck dem Kloster Sankt Emmeram in Regensburg, und in der Fraunhoferstraße stand der Kasten des Klosters Oberalteich.
Unser Windberger Kasten ist uralt. Ganz früher war einmal der Stadtrat darin untergebracht, auch der Stiftspropst des Augsburger Domkapitels wohnte schon in ihm. In der neueren Zeit fungierte er als Schrannenhaus und nach der Säkularisation kam er dann in Privathände.
Das Bildchen aus dem Jahre 1910 zeigt, wie wohl sich unser alter Windberger Kasten im Schutz der Dreifaltigkeitssäule fühlte, immer noch in sein gotisches Kleidchen gehüllt. Droben am Dach sah man auch noch die vielen Luken, durch die einst das Getreide Kühlung erhielt und sich ausschwitzen konnte, und in der Ostwand steckte noch der Aufzugsgalgen für das eingesackte Zehentgetreide. Reizend auch die Neugier der Guckfensterchen unter der Scharrinne und die Perlenkette des Treppengiebels. Die Fensterzeile im Mittelstock präsentierte sich genau so vornehm wie jene an unserem jetzigen Rathaus, links vom Balkönchen. Drunten am Straßenpflaster aber lebte noch die Heimeligkeit altvertrauter, dämmriger Läden. Darin fühlte sich einst die heitere Bumillerin glücklich, wenn sie ihre Korbwaren, Besen, Bürsten und Fliegendatscher verkaufte.
Heute ist das alles anders. Der Windberger Kasten wurde abgebrochen und durch ein Kino ersetzt. übrig blieben nur zwei Wasserspeier, die jetzt von den Stadtturmanbauten heruntergrinsen, aus Schadenfreude, weil wir wieder ein kostbares Stück aus dem Ahnenerbe opferten.
Quelle: Als Großvater noch lebte, Marzell Oberneder; Cl.Attenkofer’sche Buch- und Kunstdruckerei Straubing (1970er Jahre)
Schrannenhaus unter der Spitzhacke
Nachdem bisher immer nur davon gesprochen worden war, das Schrannenhaus, der Windberger Kasten am Theresienplatz gegenüber der Dreifaltigkeitssäule werde im Rahmen des Filmtheaterneubaues hinter dem Hause nur einem Umbau unterzogen, wurde nun am Dienstag ein hoher Bretterzaun rings um das Gebäude aufgestellt und mit den Abbrucharbeiten begonnen. Mehrere Überprüfungen und Besichtigungen des unter Denkmalschutz stehenden Hauses sollen ergeben haben, daß das Gebäude baufällig ist und früher oder später ohnehin unbedingt abgebrochen werden muß. Insbesondere wurde dies vom Dachstuhl festgestellt. Wie wir weiter erfahren, hat sich auch das Stadtbauamt unter der Leitung von Oberbaurat Schmidbauer dahingehend ausgesprochen, das Schrannenhaus nicht in dem jetzigen Zustand zu belassen, da eines Tages die Einsturzgefahr zu groß werden könnte.
Quelle: Niederbayerische Nachrichten, 28.04.1949
